Was kann die Gaswirtschaft zur Energiewende beitragen?

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Erdgas, Infrastruktur und Energiewende: Verbindungen mit Zukunft

Die Energiewende in Deutschland funktioniert nicht von selbst. So stieg 2013 die kohlebasierte Stromerzeugung wieder auf das Niveau von 1990, und die Treibhausemissionen nahmen entsprechend deutlich zu. Bei den Diskussionen über das „Wie?“ dominieren Stromthemen. Dabei wird ein Energieträger vernachlässigt, der heute schon zur Klimaverbesserung beiträgt und dies noch stärker tun könnte: Erdgas zusammen mit Bioerdgas und methanisiertem Wasserstoff sowie der dazugehörigen Infrastruktur.

GEOMAGIC sprach mit Ralf Borschinsky, Pressesprecher der ONTRAS Gastransport GmbH, über die Chancen und Risiken, die sich für einen Fernleitungsnetzbetreiber im Rahmen der Energiewende ergeben.

Liefert die Energiewende nicht sehr gute Chancen für Gasnetzbetreiber?

So sollte es sein. Denn im Vergleich zu Stromnetzen transportieren Gasnetze jährlich etwa die doppelte Energiemenge. Unsere Netze sind heute schon „bioready“. Die Beimischung von Biogas in Erdgasqualität und methanisiertem Wasserstoff verbessert die ohnehin günstige CO2-Bilanz von Erdgas.
Gas als Kraftstoff senkt die Treibhausemissionen im Straßenverkehr. Und mit der Power-to-Gas Technologie lässt sich künftig bisher nicht nutzbarer Überschussstrom aus Windkraft- und Photovoltaikanlagen stofflich umgewandelt in Gas langfristig speichern und nutzen. Tatsächlich aber können wir unser Potenzial derzeit nicht voll ausschöpfen. Denn bei den Prämissen für die Energiewende in Deutschland wird Erdgas – im Gegensatz zur EU, wo Gasthemen noch vor Strom an zweiter Stelle genannt werden – kaum erwähnt. Im Gegenteil: Erdgas soll bis 2050 durch Regenerative fast vollständig vom Markt verdrängt werden. Dabei könnten wir mit der vorhandenen Infrastruktur und dem Energieträger Erdgas viel mehr tun. So belegen z. B. Studien : Die Power-to-Gas-Technologie bietet, in Größenordnungen eingesetzt, die volkswirtschaftlich derzeit sinnvollste weil kostengünstigste Lösung für die Nutzung von Regenerativstrom, der wg. Überlastung der Übertragungsnetze derzeit immer häufiger abgeregelt werden muss.
Voraussetzungen für Power-to-Gas sind zum einen eine Auswahl geeigneter Standorte nach definierten Kriterien unter Einbeziehen von Biogas (als CO2-Lieferant für Methansynthese), zum anderen eine verstärkte Nutzung von Biogas/Erdgas im Mobilitätssektor (incl. Schwerlastverkehr, Schifffahrt.)

Was bedeutet das angesichts der Situation im ONTRAS-Netz?

In unserem Netzgebiet haben wir derzeit 21 Biogasanlagen am Netz, diese speisen jährlich bis zu 155 Mio. Kubikmeter Bioerdgas ein. Das entspricht rund 17 Prozent des deutschlandweit eingespeisten Biogases. Zudem sind bereits zwei Power-to-Gas-Anlagen mit Wasserstoffeinspeisung an unser Netz angeschlossen. Unser Netz ist also schon Teil der Energiewende. Und wir sorgen dafür, dass es so bleibt, engagiert sich ONTRAS als im Projekt „Power-to-Gas-Potenzialatlas für Deutschland“ der Deutschen Energieagentur.
Zudem ist ONTRAS auch Mitglied der europäischen Green Gas Initiative. Ihre Mitglieder haben das Ziel, bis zum Jahr 2050 eine CO2-neutrale Energieversorgung zu erreichen.

Sollte für das Thema Power-to-Gas noch mehr Lobbyarbeit geleistet werden? Die Politik scheint sich nur bedingt zu interessieren oder liegt es vielleicht am Image?

Hier tut die Branche schon einiges. So hat die Power-to-Gas-Strategieplattform der dena* diesen Sommer den Politikern fünf Punkte für zur Flankierung von Power-to-Gas ins Stammbuch geschrieben, darunter die Anerkennung von regenerativen Synthesegasen aus Power-to-Gas als Kraftstoff, die Schaffung von Anreizen für die Stromspeicherung durch Ändern der Vergütungsgrundsätze für Regenerativstrom und eine Verlängerung der Steuerreduzierung für Erdgas (und damit auch Bioerdgas!) als Kraftstoff über das Jahr 2018 hinaus.
Zudem sollten diese Speichertechnologien von Letztverbraucherabgaben befreit werden (U. a. auch EEG-Umlage). ONTRAS treibt das Thema im Rahmen des Power-to-Gas-Potenzialatlas-Projekts voran und spricht mit Stromnetzbetreibern, Stichwort „Konvergenz der Netze“. Dabei geht es nicht nur um Power-to-Gas, sondern generell um eine intelligente Verknüpfung von Strom und Gassystemen.

*Die dena leitet seit 2011 die Strategieplattform Power to Gas. Mit ihren Partnern analysiert sie die Bedeutung von Power to Gas für die Nutzung erneuerbaren Stroms und erarbeitet Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen und großtechnischen Einsatz. (Anm. der Red.)

Wie könnte eine Zusammenarbeit mit der Stromseite aussehen?

Denkbar wären z. B. gemeinsame Power-to-Gas-Projekte, um die Technologie zu optimieren, ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch auf der Fachebene sowie gemeinsame Forschungsprojekte.

Reichen die Netzkapazitäten für den Transport von aus Strom erzeugtem Regenerativgas über Pipelines?

Wenn wir über synthetisches Methan reden: ja. Dieses Regenerativgas kann uneingeschränkt ins Gasnetz eingespeist werden.
Anders sieht es bei Wasserstoff aus: Generell verändert die Zumischung von Wasserstoff die Brenneigenschaften von Erdgas. Hier muss daher zum einen systemseitig nachgerüstet werden, da unsere heutige Infrastruktur für Erdgas optimiert ist. Zum anderen gibt es anwenderseitig Einschränkungen. So darf z. B. Erdgas als Kraftstoff höchstens 2 Vol.% Wasserstoff enthalten. Damit eignen sich für Wasserstoff nur Standorte, an denen ganzjährig ein möglichst hoher Erdgasvolumenstrom durch die Pipeline strömt. Doch selbst bei optimalen Bedingungen ist die Wasserstoffzumischung im Erdgas nach oben hin begrenzt, da sonst mehrfach eine volkswirtschaftlich kaum tragbare Umrüstaktion für alle Gasgeräte erfolgen müsste.

In wieweit können die Interessenverbände BDEW und DVGW oder auch der FNB Gas hier helfen?

Die Verbände arbeiten bereits seit längerem intensiv in verschiedenen Gremien an Entscheidungen bzw. Entscheidungsvorlagen mit und führen, ebenso wie die einzelnen FNB, Gespräche mit zahlreichen Entscheidungsträgern. Die jüngsten Studien zu diesem Thema, die Power-to-Gas durchwegs eine wirtschaftliche Zukunft bescheinigen, liefern dabei wertvolle Argumentationshilfen.

Was müsste passieren, damit die Gasbranche die Energiewende optimal mit gestalten kann?

Wenn wir das mit dem Strombereich vergleichen, wo wir schnell über mehrstellige Milliardenbeträge reden, vergleichsweise wenig. Wir brauchen energiepolitische Anreize für die Regenerativstromerzeuger, die Gasinfrastruktur als Stromspeicher zu nutzen, klare Regeln für die Standortwahl von Power-to-Gas-Anlagen und gangbare Modelle für deren wirtschaftlichen Betrieb. Zudem sollte Biogas und dessen Einspeisung ins Gasnetz wieder mehr gefördert werden – bis auf Wasserkraft, die für Deutschland kaum eine Rolle spielt, die einzige, 24/7 verfügbare erneuerbare Energiequelle. Schließlich brauchen wir die Verlängerung des reduzierten Steuersatzes für Erdgas als Kraftstoff, um alle Synergieeffekte im Markt mit nutzen zu können.
Alles zusammengenommen, können wir im wahrsten Sinne des Wortes wertvolle Hilfe zur Energiewende leisten: So kommt die Studie des EfE zum Ergebnis, dass sich bei einem Absenken der CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent durch Ausbau von Power-to-Gas im Vergleich zu Energiesystemen ohne diese Speichertechnologie jährlich 60 Milliarden Euro einsparen lassen.
Die Investitionen zum Aufbau der Kapazitäten amortisieren sich danach bereits nach weniger als fünf Jahren. Die Power-to-Gas-Technologie bietet, in Größenordnungen eingesetzt, die volkswirtschaftlich derzeit sinnvollste weil kostengünstigste Lösung für die Nutzung von Regenerativstrom, der wg. Überlastung der Übertragungsnetze derzeit immer häufiger abgeregelt werden muss. Voraussetzungen für Power-to-Gas sind zum einen eine Auswahl geeigneter Standorte nach definierten Kriterien unter Einbeziehen von Biogas (als CO2-Lieferant für Methansynthese), zum anderen eine verstärkte Nutzung von Biogas/Erdgas im Mobilitätssektor (incl. Schwerlastverkehr, Schifffahrt).